Eine Woche kann im Golf verdammt lang sein.
Am 10. September stand Freddy Schott an der irischen Atlantikküste und versuchte, seinen Ball irgendwie durch den brutalen Wind von Doonbeg zu kontrollieren. Am Ende seiner ersten Runde beim Irish Open stand eine 78 auf der Scorekarte – acht über Par.
Der Deutsche verpasste anschließend deutlich den Cut.
Zehn Tage später sah die Welt völlig anders aus.
Auf dem West Course von Wentworth beendete Schott das BMW PGA Championship mit einer 67 (-5). Mit insgesamt zehn unter Par belegte er den geteilten 27. Platz – gemeinsam mit Spielern wie Tyrrell Hatton, Viktor Hovland und Ludvig Åberg.
Kein Podium.
Keine Schlagzeile, die international um die Golfwelt geht.
Aber vielleicht eine der interessantesten deutschen Leistungen dieser Turnierwoche.
Denn Freddy Schott zeigte in Wentworth etwas, das für die Entwicklung eines Tourspielers mindestens genauso wichtig sein kann wie ein einzelnes Top-Ergebnis:
Er reagierte.
Von Doonbeg nach Wentworth: zwei völlig verschiedene Wochen
Beim Irish Open hatte Schott einen denkbar schwierigen Start erwischt.
Die Bedingungen in Doonbeg waren am Donnerstag extrem. Wind, Links-Golf und ein Platz, auf dem Fehler sofort bestraft wurden, machten vielen Spielern das Leben schwer.
Schott begann mit einem Drei-Putt-Bogey und kämpfte sich zunächst zurück. Doch am Ende stand die 78. Auch Nicolai von Dellingshausen erwischte es mit einer 81 noch härter. Marcel Schneider musste seine Runde sogar vorzeitig beenden.
Am Freitag gelang Schott die notwendige Aufholjagd nicht mehr.
Der Cut war weg.
Das Interessante daran ist nicht, dass ein professioneller Golfer ein schlechtes Turnier gespielt hat. Das passiert jedem.
Interessanter ist, was danach kommt.
Und genau deshalb lohnt sich der Blick auf Wentworth.
Die 68 zum Auftakt verändert sofort die Perspektive
Beim BMW PGA Championship begann Schott diesmal völlig anders.
68 Schläge. Vier unter Par.
Damit brachte er sich nach dem ersten Tag in eine sehr ordentliche Ausgangsposition.
Wentworth ist dabei kein gewöhnliches Turnier.
Das BMW PGA Championship ist das Flaggschiff-Event der DP World Tour. 2026 betrug das Preisgeld neun Millionen Dollar, und das Feld war mit Major-Siegern, Ryder-Cup-Spielern und zahlreichen Spielern aus der Weltspitze besetzt.
Wer hier eine 68 spielt, tut das nicht in einem zweitklassigen Feld.
Aber dann kam der Freitag.
Und plötzlich drohte die Woche wieder zu kippen.
Eine 74 – und der Cut wird wieder zum Thema
Nach seiner 68 spielte Schott am Freitag 74 (+2).
Von vier unter Par ging es zurück auf zwei unter.
Und auf einmal stand er wieder genau dort, wo ein Tourspieler nicht stehen möchte:
an der Cut-Linie.
Schott schaffte es gerade noch ins Wochenende.
Man könnte darin eine weitere verpasste Chance sehen.
Interessanter ist aber die andere Interpretation.
Nach dem 78er-Auftakt in Irland hatte Schott keine zweite Chance bekommen.
In Wentworth bekam er sie.
Und diesmal nutzte er sie.
69 am Samstag: zurück in die richtige Richtung
Am Moving Day spielte Schott 69 (-3).
Damit verbesserte er sich auf fünf unter Par und arbeitete sich bis auf Rang 43 nach vorne.
Noch war das weit entfernt von der Spitze.
Filippo Celli und Manuel Elvira gingen mit -13 als Führende in den Sonntag. J.J. Spaun, Alejandro del Rey und Johannes Veerman lagen nur einen Schlag dahinter.
Rory McIlroy und Adam Scott standen bei -11.
Das BMW PGA Championship war zu diesem Zeitpunkt extrem eng.
Für Schott ging es nicht mehr realistisch um den Sieg.
Aber es ging um etwas anderes.
Aus einer Woche, die am Freitag fast beendet gewesen wäre, konnte immer noch ein gutes Ergebnis werden.
Dafür brauchte er am Sonntag eine niedrige Runde.
Er lieferte sie.
Die beste Runde kam zum Schluss
Schott begann den Finaltag kontrolliert.
Auf den ersten neun Löchern blieb er ohne Bogey. Ein Birdie auf einem Par 5 brachte ihn unter Par, ohne dass er zunächst einen spektakulären Lauf startete.
Dann kam die zweite Hälfte.
Am Ende unterschrieb Schott eine 67 – fünf unter Par und seine beste Runde der gesamten Woche.
Seine vier Runden in Wentworth:
68 – 74 – 69 – 67.
Gesamt:
278 Schläge, -10, T27.
Bemerkenswert ist dabei die Richtung.
Nach der 74 am Freitag wurde Schott jeden Tag besser.
Genau das Gegenteil dessen, was eine schwierige zweite Runde manchmal auslösen kann.
Platz 27 klingt unspektakulärer, als er tatsächlich war
Ein 27. Platz verschwindet schnell in einer Ergebnisliste.
Deshalb lohnt sich der Blick auf die Namen unmittelbar neben Schott.
Bei ebenfalls zehn unter Par landeten unter anderem Tyrrell Hatton, Viktor Hovland und Ludvig Åberg.
Das macht Schott natürlich nicht automatisch zu einem Spieler ihrer Kategorie.
Aber es zeigt, welches Niveau er über diese vier Tage erreicht hat.
Noch interessanter wird es, wenn man nach vorne schaut.
J.J. Spaun gewann bei -17.
Schott lag sieben Schläge zurück.
Sieben Schläge über 72 Löcher.
Das ist keine winzige Differenz. Aber es ist auch keine andere Golfwelt.
Und genau hier liegt möglicherweise die wichtigste Erkenntnis seiner Woche.
Der Freitag kostete viel
Wenn man Schotts vier Runden betrachtet, fällt eine Zahl sofort auf.
74.
Seine anderen drei Runden waren 68, 69 und 67.
In diesen drei Runden spielte er zusammen zwölf unter Par.
Der Freitag allein kostete ihn zwei Schläge gegenüber Par.
Natürlich funktioniert Golf nicht so, dass man einfach die schlechteste Runde aus einem Turnier streichen kann. Jeder Spieler im Feld könnte auf diese Weise eine bessere Gesamtzahl konstruieren.
Aber für die Analyse eines Spielers ist die Schwankung interessant.
Schott musste in Wentworth nicht grundsätzlich besser Golf spielen, um deutlich weiter vorne zu landen.
Er musste vor allem verhindern, dass eine Runde aus dem Muster fällt.
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Vom ersten DP-World-Tour-Sieg zur nächsten Entwicklungsstufe
Bei Freddy Schott muss man inzwischen ohnehin einen anderen Maßstab anlegen als noch vor einem Jahr.
Im Februar gewann der damals 24-Jährige das Bahrain Championship und feierte damit seinen ersten Sieg auf der DP World Tour. Im Stechen setzte er sich gegen Patrick Reed durch.
Das verändert Erwartungen.
Nach einem ersten Sieg geht es nicht mehr nur darum zu zeigen, dass man auf der Tour mithalten kann.
Man hat bereits bewiesen, dass man gewinnen kann.
Die nächste Frage lautet:
Wie oft kann man dieses Niveau erreichen?
Und vielleicht noch wichtiger:
Wie schnell kann man nach einer schlechten Woche wieder dorthin zurückkehren?
Unter diesem Gesichtspunkt bekommt Wentworth eine andere Bedeutung.
Doonbeg und Wentworth erzählen zusammen mehr als jedes Ergebnis allein
Nimmt man nur das Irish Open, war Schotts Woche enttäuschend.
78 zum Auftakt.
Cut verpasst.
Nimmt man nur Wentworth, war es ein solides bis gutes Rolex-Series-Ergebnis.
T27.
Aber stellt man beide Wochen nebeneinander, entsteht eine interessantere Geschichte.
In Doonbeg konnte Schott die extremen Bedingungen nicht lösen.
In Wentworth reagierte er.
Und sogar innerhalb des BMW PGA Championship musste er ein zweites Mal reagieren.
68 am Donnerstag.
74 am Freitag.
69 am Samstag.
67 am Sonntag.
Zweimal drohte innerhalb von zehn Tagen eine Woche wegzulaufen.
Zweimal zeigt der Verlauf, wie wichtig es im professionellen Golf ist, ein schlechtes Ergebnis nicht mit in die nächste Runde zu nehmen.
Von Dellingshausen erlebt eine schwierigere Woche
Aus deutscher Sicht war Schott klar das beste Ergebnis.
Nicolai von Dellingshausen erreichte ebenfalls das Wochenende, konnte sich dort aber nicht entscheidend verbessern und beendete das Turnier mit +1 auf Rang 72.
Thomas Rosenmüller und Marcel Siem verpassten den Cut. Marcel Schneider zog während des Turniers zurück.
Damit blieb Schott der einzige Deutsche, der sich am Wochenende deutlich nach vorne arbeitete.
Und das ausgerechnet eine Woche nach dem 78er-Schock von Doonbeg.
Noch interessanter: Stephan Jäger spielte gleichzeitig in den USA
Zur Einordnung des deutschen Golfs gehört allerdings noch ein weiterer Name.
Stephan Jäger spielte nicht in Wentworth, sondern zeitgleich auf der PGA Tour beim Biltmore Championship. Dort belegte er mit -10 den 57. Platz. Jeremy Paul wurde bei -14 geteilter 33.
Das zeigt auch, wie sich die deutsche Spitze inzwischen verteilt.
Nicht alle relevanten deutschen Spieler treten jede Woche auf derselben Tour an.
Für die deutsche Perspektive auf Wentworth war Freddy Schott deshalb umso wichtiger.
Ein 27. Platz, der zu seinem Jahr passt
Freddy Schotts Saison 2026 wird nicht wegen seines 27. Platzes beim BMW PGA Championship in Erinnerung bleiben.
Dafür gibt es bereits einen viel größeren Moment:
den Sieg in Bahrain.
Aber eine Karriere auf der DP World Tour besteht nicht nur aus Pokalen.
Sie besteht aus Wochen, in denen man einen Cut gerade noch schafft.
Aus Freitagen mit 74.
Aus Sonntagen mit 67.
Und aus der Fähigkeit, nach einem 78er-Auftakt und einem verpassten Cut eine Woche später wieder konkurrenzfähig zu sein.
Vielleicht ist genau deshalb -10 in Wentworth interessanter, als die Zahl zunächst vermuten lässt.
Freddy Schott gewann das BMW PGA Championship nicht.
Er kam nicht einmal in die Top 20.
Aber zwischen dem Wind von Doonbeg und dem Sonntagnachmittag in Wentworth zeigte der Deutsche etwas, das für seine weitere Karriere mindestens genauso wertvoll sein könnte:
Ein schlechtes Turnier muss nicht zur schlechten Phase werden.
Und eine 78 muss nicht lange im Kopf bleiben, wenn neun Tage später eine 67 auf der Scorekarte steht.
