Manche Innovationen bei Golfschlägern sind spektakulär und auf den ersten Blick sichtbar. Andere beruhen lediglich darauf, einige Millimeter Material anders zu verteilen. Der Golf Pride Reverse Taper gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Der 2024 vorgestellte Puttergriff basiert auf einer relativ einfachen Idee: Die klassische Verjüngung eines Griffs wird umgekehrt. Der obere Bereich ist schmaler, während der untere Bereich, in dem die untere Hand liegt, deutlich voluminöser ausfällt. Nach Angaben von Golf Pride soll diese Konstruktion die Hände stabilisieren und dabei helfen, die Schlagfläche des Putters im Treffmoment gerader zum Ziel auszurichten. Zwei Jahre später ist der Reverse Taper weiterhin im Sortiment und die Produktfamilie wurde sogar erweitert. Grund genug, sich erneut mit diesem ungewöhnlichen Griff zu beschäftigen – und vor allem mit einer wesentlich interessanteren Frage: Wie stark kann die Form eines Griffs tatsächlich beeinflussen, wie wir die Schlagfläche eines Putters kontrollieren?
Eine Idee, die weniger neu ist, als sie zunächst erscheint
Die Stellung von Golf Pride bei Griffen für Driver, Eisen und Wedges ist kaum zu bestreiten. Modelle wie Tour Velvet, Tour Wrap oder die MCC-Serie gehören seit Jahren zum vertrauten Bild auf Golfplätzen und professionellen Touren. Bei Puttergriffen war die Situation traditionell eine andere. Hier hat insbesondere SuperStroke in den vergangenen Jahren voluminöse Griffe mit geringer oder fehlender Verjüngung populär gemacht. Mit dem Reverse Taper betrat Golf Pride 2024 somit einen Markt, in dem der Markenname allein nicht automatisch eine führende Position garantierte.
Auch die Idee, unter der unteren Hand mehr Volumen zu schaffen, wurde nicht von Golf Pride erfunden. Im Zusammenhang mit der Einführung des Reverse Taper wurde beispielsweise an ein interessantes Experiment von Jim Furyk erinnert. Der Amerikaner soll 2010 den oberen Teil eines Puttergriffs abgeschnitten und umgekehrt montiert haben, um unter seiner unteren Hand einen größeren Durchmesser zu erhalten. Wenige Wochen später gewann Furyk die Transitions Championship. Die Geschichte ist bemerkenswert, stellt selbstverständlich aber keinen Beweis dafür dar, dass die Veränderung des Griffs für seinen Sieg verantwortlich war.
Genau diese Unterscheidung ist wichtig. Golf Pride hat mit Reverse Taper weniger ein vollkommen neues Prinzip erfunden, sondern vielmehr eine bereits bekannte Idee systematisch entwickelt, untersucht und in eine eigene Produktfamilie überführt. Heute gibt es drei unterschiedliche Profile – Round, Pistol und Flat – sowie verschiedene Größen. Damit ist Reverse Taper zwei Jahre nach seiner Einführung mehr als ein kurzfristiges Marketingexperiment.
Warum mehr Volumen unter der unteren Hand?
Um das Konzept zu verstehen, lohnt es sich zunächst, die Marketingaussagen beiseitezulassen und einfach die Hände eines Golfers am Putter zu betrachten. Bei einem Rechtshänder mit konventionellem Griff befindet sich die rechte Hand weiter unten. Wird diese Hand während der Bewegung sehr dominant, kann sie Einfluss auf die Rotation der Schlagfläche, den Griffdruck oder die Aktivität der Handgelenke unmittelbar vor dem Treffmoment nehmen. Das muss nicht grundsätzlich ein Fehler sein – auch sehr gute Putter nutzen ihre Hände unterschiedlich stark. Für Spieler, die eine übermäßige Aktivität der unteren Hand reduzieren möchten, erscheint ein größerer Griffdurchmesser in diesem Bereich jedoch zumindest als nachvollziehbarer Ansatz.
Genau hier setzt der Reverse Taper an. Anstatt zum Schaft hin immer schmaler zu werden, verläuft seine Geometrie in die entgegengesetzte Richtung. Die obere Hand umfasst einen relativ schmalen Bereich, während die untere Hand auf einer größeren Fläche liegt. Golf Pride argumentiert, dass diese Architektur beide Hände stabilisieren und eine gerader ausgerichtete Schlagfläche im Treffmoment begünstigen soll.
Dabei sollte allerdings zwischen einem nachvollziehbaren biomechanischen Ansatz und einem nachgewiesenen Leistungsvorteil unterschieden werden. Dass unterschiedliche Griffdurchmesser das Gefühl, den Griffdruck und möglicherweise auch die Bewegung der Hände beeinflussen können, erscheint plausibel. Daraus abzuleiten, dass dieselbe Konstruktion automatisch bei jedem Golfer die Kontrolle der Schlagfläche verbessert, wäre hingegen ein deutlich größerer Schritt.
Auch das Material spielt eine Rolle. Der Reverse Taper besteht aus Polyurethan und besitzt eine leicht haftende, strukturierte Oberfläche. Das Gefühl erinnert damit eher an moderne voluminöse Puttergriffe als an einen dünnen traditionellen Gummigriff. Wer Durchmesser, Form und Material gleichzeitig verändert, verändert möglicherweise auch die Wahrnehmung des Schlägerkopfes und des Treffmoments. Genau deshalb sollte ein Puttergriff nicht isoliert von den übrigen Eigenschaften des Putters betrachtet werden.
Was bedeuten die von Golf Pride genannten „15 Prozent“ wirklich?
Bei der Einführung des Reverse Taper stellte Golf Pride insbesondere seine mit SAM PuttLab durchgeführten Tests heraus. Nach Angaben des Herstellers wurden insgesamt 364 Putts untersucht und mehr als 21.000 Variablen erfasst. Dazu gehörten unter anderem Schwungbahn, Timing, Rotation und Position der Schlagfläche im Treffmoment sowie der dynamische Loft. Aus diesen Untersuchungen leitete Golf Pride eine besonders einprägsame Zahl ab: Mit Reverse Taper sei die Putterfläche im Treffmoment 15 Prozent gerader ausgerichtet gewesen als mit einem parallel geformten Puttergriff – unter den Bedingungen des firmeneigenen Testprotokolls.
Diese Zahl benötigt allerdings wesentlich mehr Kontext, als eine Marketingbotschaft normalerweise liefert. Zunächst handelt es sich um Daten, die vom Hersteller selbst veröffentlicht wurden. Uns ist keine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung bekannt, die das vollständige Testverfahren reproduziert und exakt denselben Vorteil bestätigt hätte. Vor allem bedeutet „15 Prozent gerader“ keineswegs 15 Prozent mehr gelochte Putts, 15 Prozent höhere Genauigkeit oder 15 Prozent weniger Streuung. Die Aussage bezieht sich auf eine relative Verbesserung einer Winkelmessung der Schlagfläche gegenüber der im Test verwendeten Referenz.
Ohne Zugriff auf sämtliche Rohdaten, die Verteilung der Ergebnisse zwischen den einzelnen Testpersonen und die statistische Signifikanz der beobachteten Unterschiede wäre es daher nicht seriös, aus diesen 15 Prozent ein allgemeines Leistungsversprechen abzuleiten. Die von Golf Pride veröffentlichten Ergebnisse sind als Information über die interne Entwicklungsarbeit und als technisch interessante Hypothese relevant. Sie beweisen für sich genommen jedoch nicht, dass jeder Golfer mit einem Reverse Taper besser putten wird.
Unabhängige Tests ergeben ein differenzierteres Bild
Mit zwei Jahren Abstand lässt sich der Reverse Taper inzwischen auch anhand externer Erfahrungen betrachten. Bei Golf Monthly entstand im ursprünglichen Test ein grundsätzlich positiver Eindruck. Der Tester berichtete von weniger Aktivität der unteren Hand und empfand die Kontrolle über Geschwindigkeit und Schlagfläche als verbessert. Die Eingewöhnung erfolgte relativ schnell. Das ist ein interessanter Erfahrungswert unter realen Bedingungen, jedoch keine unabhängige wissenschaftliche Bestätigung der von Golf Pride veröffentlichten Leistungsdaten.
Noch aufschlussreicher ist vielleicht das Ergebnis von Plugged In Golf, gerade weil es weniger spektakulär ausfiel. Tester Matt Saternus verglich einen Reverse Taper Pistol sowohl auf dem Grün als auch mithilfe eines Launch Monitors mit seinem gewohnten Griff und stellte nach eigener Einschätzung keinen signifikanten Leistungsunterschied fest. Das wurde jedoch nicht zwangsläufig als negatives Ergebnis interpretiert. Als erfahrener Spieler, der seit Jahren mit traditionell dimensionierten Griffen puttet, konnte er unmittelbar auf eine deutlich andere Geometrie wechseln und vergleichbare Resultate erzielen.
Dieses Ergebnis erinnert an einen wichtigen Grundsatz beim Testen von Golfausrüstung: Die Veränderung eines Parameters muss nicht automatisch zu einer messbaren Verbesserung führen, insbesondere wenn der Spieler zuvor kein konkretes Problem mit diesem Parameter hatte.
Mit der Einführung kleinerer Reverse-Taper-Versionen kam ein weiterer interessanter Aspekt hinzu. Derselbe Tester, dem die Medium- und Large-Modelle zu voluminös erschienen waren, kam mit der kleineren Pistol-Variante deutlich besser zurecht. Für ihn füllte diese Größe die Hände ausreichend aus, ohne das sperrige Gefühl der größeren Modelle zu erzeugen. Vielleicht ist genau das die entscheidende Erkenntnis: Ob Reverse Taper funktioniert, hängt wahrscheinlich nicht allein vom Prinzip der umgekehrten Verjüngung ab, sondern ebenso davon, ob Größe und Form zur Handgröße, Grifftechnik und persönlichen Wahrnehmung des Spielers passen.
Round, Pistol oder Flat: Den einen Reverse Taper gibt es nicht
Aus diesem Grund ist auch ein pauschales Urteil über den Reverse Taper schwierig. Das Round-Modell besitzt im oberen Bereich eine klassischere, abgerundete Form und wird anschließend zur unteren Hand hin breiter. Beim Pistol ist der obere Bereich stärker ausgeprägt, um der oberen Hand eine deutlichere Referenz zu geben. Flat wiederum verfügt über eine flachere Geometrie und kann insbesondere für Golfer interessant sein, die ihre Handflächen beim Putten stärker gegenüberstellen.
Hinzu kommen unterschiedliche Größen. Ein Spieler kann also durchaus das Reverse-Taper-Prinzip mögen und trotzdem mit einer bestimmten Variante nicht zurechtkommen, weil sie schlicht zu groß ist oder ihre Form nicht zur Position seiner Hände passt.
Auch das Gewicht des Griffs sollte nicht unterschätzt werden. Der Austausch eines Puttergriffs kann die Wahrnehmung der Balance des gesamten Putters verändern. Ein Spieler, der sehr sensibel auf das Gefühl des Schlägerkopfes reagiert, könnte die Geometrie des Reverse Taper durchaus schätzen und gleichzeitig nicht mögen, wie sich sein Putter nach dem Wechsel insgesamt anfühlt. Ein Putter-Fitting sollte deshalb nicht bei Kopfform, Loft, Lie und Länge enden. Auch der Griff gehört zum Fitting.
Für welche Golfer könnte Reverse Taper interessant sein?
Diese Frage ist letztlich sinnvoller als die pauschale Bewertung, ob der Griff „gut“ oder „schlecht“ ist. Wer das Gefühl hat, dass seine untere Hand während des Putts zu dominant wird, auf kurzen Putts den Griffdruck deutlich erhöht oder grundsätzlich mehr Stabilität in den Händen sucht, hat einen nachvollziehbaren Grund, diese Geometrie auszuprobieren. Auch bei alternativen Grifftechniken wie Left-Hand-Low, Claw oder Saw kann der größere untere Bereich interessant sein, weil er eine andere Auflagefläche für die Hände bietet.
Umgekehrt gibt es keinen Grund anzunehmen, dass ein voluminöser Griff grundsätzlich besser wäre. Wer einen sehr dünnen Griff bevorzugt, möglichst viel Rückmeldung vom Schlägerkopf erhalten möchte und bewusst eine gewisse Aktivität der Hände und Handgelenke zulässt, könnte mit Reverse Taper sogar genau das verlieren, was er an seinem bisherigen Griff schätzt.
Auch Golf Pride weist in seinen eigenen Fitting-Empfehlungen grundsätzlich auf diesen Zusammenhang hin: Größere Griffdurchmesser werden eher Spielern empfohlen, die Hand- und Handgelenksaktivität reduzieren möchten, während dünnere Griffe mehr Gefühl und eine stärkere Beteiligung der kleineren Gelenke ermöglichen können. Auch hier handelt es sich um eine Empfehlung des Herstellers und nicht um ein universelles biomechanisches Gesetz.
So sollte man einen Reverse Taper tatsächlich testen
Statt einen Reverse Taper zu kaufen und darauf zu hoffen, dass er ein Puttingproblem löst, würden wir ihn deshalb als Fitting-Variable betrachten. Im Idealfall sollten verschiedene Größen und Formen auf ansonsten identischen Puttern getestet werden. Eine Serie von etwa 20 geraden Putts aus rund 1,5 Metern kann zunächst zeigen, wie regelmäßig der Ball auf der gewünschten Linie startet. Eine zweite Serie aus ungefähr drei Metern erhöht die Anforderungen an die Geschwindigkeitskontrolle, während Putts aus sechs bis acht Metern besonders geeignet sind, die Längenkontrolle und Streuung zu beobachten.
Dabei sollte nicht ausschließlich die Zahl der gelochten Putts gezählt werden. Bei kleinen Stichproben können Grünlesen, Oberflächenunregelmäßigkeiten und schlicht der Zufall das Ergebnis erheblich beeinflussen. Eine Markierung auf dem Ball, ein einfaches Putting-Gate kurz nach dem Treffmoment oder im Idealfall ein Putting-Analysesystem liefern wesentlich aussagekräftigere Informationen über Startlinie und Wiederholbarkeit.
Ebenso wichtig ist eine gewisse Eingewöhnungszeit. Fünf Putts mit einem Griff, den man seit drei Jahren verwendet, mit fünf Putts eines völlig unbekannten Modells zu vergleichen, sagt nahezu nichts aus. Der erste Eindruck ist interessant, aber mindestens ebenso wichtig ist, was geschieht, wenn die ungewohnte Form nicht mehr neu ist.
Der eigentliche Wert des Reverse Taper liegt vielleicht woanders
Zwei Jahre nach seiner Einführung erscheint der Golf Pride Reverse Taper weder als nachgewiesene Revolution des Puttens noch als technisch bedeutungsloses Marketingprodukt. Die von Golf Pride veröffentlichten Daten liefern eine nachvollziehbare Begründung für das Konzept. Solange das Testverfahren und die Ergebnisse jedoch nicht unabhängig reproduziert werden, sollten diese Zahlen auch genau als das behandelt werden, was sie sind: vom Hersteller bereitgestellte Daten. Die unabhängigen Tests sind möglicherweise gerade deshalb interessanter, weil sie unterschiedliche Reaktionen zeigen – abhängig vom Spieler, seinen Gewohnheiten und der gewählten Reverse-Taper-Version.
Vielleicht liegt darin der wichtigste Beitrag dieses Produkts. Viele Golfer haben ihren Puttergriff lange danach ausgewählt, wie angenehm er sich im Geschäft anfühlt, welchen Griff ein Tourspieler verwendet oder welcher optisch am besten zum Putter passt. Dabei verändert die Geometrie des Griffs unmittelbar eine der entscheidenden Schnittstellen beim Putten: die Verbindung zwischen den Händen und dem Schläger.
Der Reverse Taper kann nicht garantieren, dass mehr Putts fallen. Er erinnert uns aber daran, dass Größe und Form des Puttergriffs echte Fitting-Parameter sind und nicht nur ästhetische Details.
Bevor also ein neuer Putter gekauft wird, weil die Putts aus anderthalb Metern immer wieder links starten, könnte es sinnvoll sein, zunächst einige Zentimeter weiter oben am Schläger nachzusehen. Bei manchen Golfern kann ein Reverse Taper eine zu aktive untere Hand beruhigen. Bei anderen nimmt er möglicherweise genau jenes Feedback weg, das sie benötigen. Und bei vielen wird er vielleicht kaum etwas verändern.
Genau deshalb sollte man diesen Griff testen – und nicht einfach den Versprechen glauben.
